Ein Kompliment. Eigentlich ganz einfach. Oder?
- Jasmin

- 3. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Es gibt ein wundervolles Lied der Sportfreunde Stiller: „Ein Kompliment“.
Es beschreibt etwas, das auf den ersten Blick banal wirkt – und sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich kompliziert entpuppt: ehrliche Worte der Wertschätzung.
In einer Welt voller Bewertungen, Likes und perfekter Inszenierungen sind echte Komplimente selten geworden. Vielleicht, weil sie verletzlich machen. Vielleicht, weil sie missverstanden werden können. Vielleicht auch, weil wir verlernt haben, sie einfach anzunehmen.

Ein Kompliment ist heute oft nicht mehr nur ein Satz.
Es wird geprüft. Eingeordnet. Hinterfragt.
Was meint die Person wirklich? Will sie etwas? Ist da ein Haken?
Gerade Frauen kennen dieses Spannungsfeld nur zu gut. Zwischen Sich-sichtbar-machen und Sich-zurücknehmen. Zwischen Anerkennung und Relativierung. Wie oft antworten wir auf ein Lob mit einem schnellen „Ach Quatsch“?
Wenn ein Kompliment plötzlich zu viel ist
Zwischen den Feiertagen saß ich mit meinem Mann beim Frühstück im Mövenpick am Kröpcke. Am Nachbartisch eine Gruppe von sechs älteren Damen. Sie lachten, unterhielten sich lebhaft – und sie waren alle sehr schick und strahlten förmlich. Präsenz. Lebensfreude.
Ich habe sie bewundert. Wirklich.
Als ich später auf dem Weg zur Toilette an ihrem Tisch vorbeikam, blieb ich stehen. Ich fragte, ob ich ihnen ein Kompliment machen dürfe. Sagte, dass ich es großartig finde, wie toll sie aussehen. Und dass ich mir wünsche, eines Tages mit meinen Freundinnen in ihrem Alter genauso lachend beim Frühstück zu sitzen.
Eine der Damen schaute mich fast verstört an.
„Wie meinen Sie das jetzt?“, fragte sie mit einem Unterton, den ich erst nicht einordnen konnte.
Ich erklärte es. Genau so, wie ich es gesagt hatte.
Eine andere Dame sagte dann ganz selbstverständlich:
„Wir sind alle über 80 – und darauf sind wir stolz.“
Langsam löste sich die Spannung. Die erste Dame verstand, dass ich nichts wollte.
Keine Absicht hatte. Kein Hintergedanke.
Nur ein Kompliment.
Und trotzdem: Es dauerte.
Es dauerte erstaunlich lange, bis das Gesagte ankam. Bis es wirken durfte. Bis aus Skepsis ein Lächeln wurde. Dann kicherten sie, freuten sich, nahmen es an.
Bei mir blieb ein Gefühl zurück: Es war zu viel gewesen.
Nicht, weil es unangebracht war.
Sondern weil wir es offenbar verlernt haben, Wertschätzung einfach anzunehmen.
Wenn Wertschätzung erklärt werden muss
Auch in meinem beruflichen Umfeld gibt es mittlerweile Schulungen dazu, wie man Komplimente macht – oder besser nicht macht. Aus Angst vor Missverständnissen.
Aus Angst vor falscher Interpretation.
Ich verstehe den Hintergrund.
Und trotzdem macht es mich traurig.
Dass wir vorsichtig geworden sind mit etwas, das eigentlich verbinden soll.
Dass ehrliche Worte zuerst geprüft werden müssen.
Dass ein Kompliment nicht einfach stehen bleiben darf.
Und trotzdem werde ich nicht aufhören.
Ich werde weiterhin sagen, wenn ich etwas schön finde.
Wenn ich jemanden bewundere.
Wenn mich etwas berührt.
Nicht, um etwas zu bekommen.
Nicht, um Grenzen zu überschreiten.
Sondern genau so, wie ich es meine.
Und ich weiß, dass ich mich freue, wenn sich jemand anderes freut, weil meine Worte angekommen sind.
Ein Kompliment sollte nichts weiter sein müssen als das:
eine kleine Brücke zwischen zwei Menschen.
Vielleicht dürfen wir wieder lernen, sie einfach zu überqueren.
Und vielleicht beginnt das genau hier.
Mit einem Kompliment.
Und mit dem Mut, es anzunehmen.




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