Nervensystem im Dispo
- Jasmin

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt diese Tage
Der Körper ist schwer.
Der Kopf dröhnt.
Die Glieder schmerzen.
Und trotzdem stehen wir auf.
Gerade erst lag mein Mann mit einer Erkältung flach. Dann mein kleiner Sohn.
Jetzt bin ich krank. Und mein großer Sohn auch.
Mein Mann blieb morgens im Bett. Ruhte sich aus.
Ganz selbstverständlich.
Und ich?
Ich stand unten, verabschiedete die Kinder, machte Frühstück, ging mit dem Hund raus und räumte noch schnell die Küche auf.
Erst danach setzte ich mich hin.
Und während ich da saß, mit pochendem Kopf und einem Körper, der eigentlich nur Ruhe wollte, dachte ich:
Was für ein Schwachsinn.
Weil Kinder Frühstück brauchen.
Weil Termine im Kalender stehen.
Weil wir „nicht ausfallen dürfen“.
Weil wir gelernt haben zu funktionieren.
Gerade wir Mütter tragen oft ein unsichtbares „Muss“ mit uns herum.
Ein inneres Antreiben.
„Ich schaffe das schon“.
„Die anderen zählen auf mich“.
Doch was passiert eigentlich in uns, wenn wir krank sind – und trotzdem weitermachen?
Das Nervensystem kennt kein „Ich muss“
Wenn wir krank sind, sendet unser Körper ein klares Signal:
Pause.
Regeneration.
Rückzug.
Unser Nervensystem braucht in dieser Zeit vor allem eines: Sicherheit und Ruhe.
Doch stattdessen schalten wir in den Funktionsmodus.
Sympathikus an. Stresshormone hoch.
„Nur noch schnell.“
„Geht schon.“
„Augen zu und durch.“
Kurzfristig mag das funktionieren.
Langfristig zahlen wir einen Preis:
längere Krankheitsdauer
stärkere Erschöpfung
Reizbarkeit
emotionale Überforderung
das Gefühl, ständig am Limit zu sein
Unser Nervensystem speichert jede Überforderung ab.
Nicht um uns zu bestrafen – sondern um uns zu schützen.
Doch wenn wir immer wieder über unsere Grenzen gehen, bleibt es im Alarmzustand.
Unser Nervensystem als Lebenskonto
Vielleicht hilft ein anderes Bild. Ich bin Betriebswirtschaftlerin.
Und manchmal denke ich, unser Nervensystem funktioniert wie ein Konto.
Jeden Tag gehen Belastungen von diesem Konto ab.
Organisation.
Arbeit.
Kinder.
Emotionale Verantwortung.
Termine.
Erwartungen.
Und gleichzeitig gibt es Einzahlungen:
Ruhe.
Schlaf.
Zeit für uns.
Natur.
Momente ohne Druck.
Das Problem ist:
Viele Frauen leben mit ihrem Nervensystem dauerhaft im Dispo.
Die Einzahlungen reichen vielleicht gerade noch für den Monatsanfang.
Doch die Belastungen sind so hoch, dass das Konto schnell wieder überzogen ist.
Und was passiert im Dispo?
Man zahlt Zinsen.
Beim Nervensystem sehen diese „Zinsen“ so aus:
Gereiztheit
Müdigkeit
Überforderung
Dünnhäutigkeit
emotionale Erschöpfung
Nicht weil wir schwach sind.
Sondern weil wir dauerhaft mehr abbuchen als einzahlen.
Vielleicht müssen wir selbst unsere Kontoführung ändern
Die Wahrheit ist:
Von außen wird das oft niemand für uns regeln.
Der Alltag hört nicht auf.
Die Anforderungen verschwinden nicht plötzlich.
Doch vielleicht können wir anfangen, anders auf unser eigenes „Lebenskonto“ zu schauen.
Nicht erst reagieren, wenn wir komplett im Minus sind.
Sondern früher.
Vielleicht bedeutet Nervensystempflege genau das:
Nicht über die Nullgrenze gehen und
ganz bestimmt nicht dauerhaft im Dispo leben.
Sondern bewusst wieder einzahlen.
Ruhe. Grenzen
Hilfe annehmen.
Unperfektion zulassen.
Die große Illusion vom Müssen
Wer hat eigentlich entschieden, dass wir müssen?
Dass das Haus ordentlich sein muss.
Dass wir erreichbar sein müssen.
Dass wir stark sein müssen.
Dass wir alles im Griff haben müssen.
Wir leben in einer Welt, die Besitz und Leistung glorifiziert.
Mehr schaffen. Mehr haben. Mehr sein.
Doch wenn wir ehrlich sind:
Was besitzen wir wirklich?
Kein einziges Ding nehmen wir mit.
Kein Konto. Kein Haus.
Kein perfekt organisiertes Leben.
Wir bekommen am Ende kein Zeugnis.
Niemand verteilt Punkte für Durchhalten trotz Fieber.
Alles, was bleibt, sind Spuren.
Was ist, was wirklich bleibt?
Unsere Kinder erinnern sich nicht daran, ob der Boden gewischt war.
Sie erinnern sich an:
das Gefühl, gehalten zu sein
unsere Stimme
unser Lachen
unsere Ehrlichkeit
unsere Verletzlichkeit
Vielleicht ist es eines der größten Geschenke, wenn sie sehen dürfen:
Mama ist krank.
Mama ruht sich aus.
Mama hört auf ihren Körper.
Mama ist absolut nicht perfekt – und trotzdem so liebenswert.
Was für ein Vorbild wäre das?
Ein Mensch, der sich selbst ernst nimmt.
Der Grenzen respektiert.
Der zeigt: Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Verantwortung.
Am Weltfrauentag
Vielleicht ist der Weltfrauentag nicht nur ein Tag, um zu feiern, was Frauen alles leisten.
Vielleicht ist er auch eine Einladung, uns etwas Ehrliches zu fragen:
Wo überziehen wir ständig unser eigenes Lebenskonto?
Wo lebt unser Nervensystem dauerhaft im Dispo?
Und vielleicht beginnt echte Stärke nicht dort, wo wir noch mehr schaffen.
Sondern dort, wo wir anfangen, wieder einzuzahlen.
Zeit.
Ruhe.
Grenzen.
Selbstachtung.
Denn am Ende bleibt nicht, wie perfekt wir funktioniert haben.
Sondern wie menschlich wir gelebt haben. 🤍




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