Impostor: Über Fassaden, Rollen – und den Mut, sich selbst wieder näher zu kommen
- Jasmin

- 10. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen war ich auf einer zweitägigen Personalklausur. Zwei Tage voller intensiver Gespräche, Analysen, Visionen und neuer Impulse.
Am Abend spielten wir Impostor – ein scheinbar harmloses, lustiges Spiel. Ein Spiel, bei dem es darum geht, herauszufinden, wer blufft, wer täuscht, wer sich verstellt.
Wir haben viel gelacht. Haben geraten, spekuliert, verteidigt, beschuldigt und gelogen.
Es war leicht. Fast zu leicht.
Und genau das hat mich getroffen.
Denn dieses Spiel hat offengelegt, wie unglaublich gut wir alle darin sind, eine Rolle zu spielen. Wie unauffällig, selbstverständlich und mühelos wir uns in etwas verwandeln, das wir nicht sind – oder nur ein kleiner Teil von uns ist.
Die Erschütterung hinter dem Lachen
Mit jedem Durchgang wurde mir klarer, dass wir im Alltag häufig genau das tun:
Wir blenden. Wir sind die besten Schauspieler.
Wir verstärken oder dämpfen Eigenschaften, je nachdem, was gerade erwartet wird.
Es hat mich schockiert, wie oft mein Bauchgefühl danebenlag. Ich vertraue meinem Instinkt normalerweise sehr, beruflich wie privat. Aber an diesem Abend kam ich (wie alle anderen auch) an die Grenzen. Und je mehr wir spielten, desto klarer wurde mir:
Wir sind geübt darin, uns selbst unkenntlich zu machen.
Vielleicht nicht bewusst. Vielleicht nicht absichtlich. Aber wir alle haben ein Repertoire an Rollen entwickelt, die uns durchs Leben tragen:
die Starke, die dazu gehört
die Unerschütterliche
die Angepasste
die Vermittlerin
die Perfektionistin
die Humorvolle
die „Ich hab alles im Griff“-Frau
Rollen, die schützen. Rollen, die funktionieren. Rollen, die erwarten lassen, dass wir funktionieren.
Das war nur ein Spiel, ja klar. Aber es bewegt mich doch, warum wir so sind.
Warum wir uns schützen – und gleichzeitig verlieren
Viele von uns haben früh gelernt, dass echte Gefühle riskant sind. Dass Verletzlichkeit beurteilt, belächelt oder abgelehnt werden kann. Dass „zu viel“ von einem schnell „zu schwierig“ sein könnte. Also haben wir Strategien entwickelt: wir lächeln, wenn es schwer ist. Wir schweigen, wenn etwas weh tut. Wir arbeiten doppelt so hart, wenn wir uns unsicher fühlen.
Wir haben gelernt, dass man im Zweifel lieber die Fassade oben hält, als zu zeigen, dass man gerade strauchelt.
Doch was wir dabei oft übersehen:
Diese Fassaden schützen uns nicht nur – sie entfernen uns von uns selbst.
Sie kosten Energie. Sie isolieren. Sie nehmen uns die Chance, in unserer ganzen Tiefe gesehen zu werden.
Vielleicht tragen wir als Frauen diese Stärke in uns, weil wir sie mussten. Weil Generationen vor uns überlebt haben, indem sie sich angepasst haben. Weil uns beigebracht wurde, dass wir brav, kontrolliert, kompetent, angenehm sein sollen.
Aber wir leben in einer Zeit, in der wir uns neu entscheiden dürfen. Eine Zeit, in der Echtheit keine Schwäche ist, sondern eine Revolution. Eine Zeit, in der wir Mut nicht mehr mit Härte verwechseln müssen. Eine Zeit, in der wir uns erlauben dürfen, sichtbar zu sein – mit allem.
Nicht perfekt, nicht fertig, nicht unverwundbar. Sondern wahr.
Und vielleicht ist genau das die größte Kraft, die wir als Frauen besitzen:
Nicht, wie gut wir täuschen können. Sondern wie mutig wir sind, wir selbst zu sein.




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